Warum dürfen nur Autos autonom fahren? Was ist mit Zügen?

DerStandard.at stellt sich diese Fragen aufgrund einer aktuellen Forschungsarbeit der FH Oberösterreich, die den fahrerlosen Betrieb einer Lokalbahn testen. Die Bahn erscheint auf den ersten Blick als einfaches Anwendungsgebiet für selbständiges, also fahrerloses Fahren (autonomous driving), denn die Strecke ist vorgegeben und damit erwartet man weniger Komplexität als bei Autos, die Spurwechsel, Abzweigungen, Baustellen und vieles mehr berücksichtigen müssen. Auf den zweiten Blick tauchen Argumente wie lange Bremswege oder die hohe Anzahl potentieller Opfer auf.

Der Test fand auf der Lokalbahn zwischen Vorchdorf und Gmunden in Oberösterreich statt, wo der Zug mit Video- und Infrarotkameras sowie Laserscanner und Radar ausgestattet wurde. Die notwendige Software musste im Unterschied zum Auto die Sensordaten für größere Entfernungen auswerten (aufgrund des Bremswegs) sowie anders gelagerte Gegenreaktionen berücksichtigen. „Ausweichen“ als Option fällt weg, aber auch eine Vollbremsung ist nicht immer die beste Variante. Als Beispiel wird ein querendes Auto genannt, dass den Schienenbereich hoffentlich schon lange verlassen hat, bevor der Zug die Querung erreicht.  Dies muss die Software korrekt erkennen und einschätzen, denn eine Vollbremsung würde potentiell eine große Anzahl von Passagieren in Gefahr bringen.

Eine Frage der Moral

Leerer ZugHierbei stellt sich – wie beim Autonomen Fahren bei Autos – ebenfalls die Frage nach der „Moral“, der eine Steuerungssoftware im Notfall folgen soll. Kommt ein Auto auf den Schienen zum Stehen und ist ein Unfall unvermeidlich, wie soll die Software entscheiden? Soll trotzdem eine Vollbremsung gemacht werden, auch wenn ein Stehenbleiben vor dem Auto aller Wahrscheinlichkeit nicht möglich ist? Dies würde die Passagiere gefährden und vermutlich am tragischen Ergebnis des Unfalls mit dem Auto wenig ändern. Oder sollte eine Vollbremsung in jedem Fall versucht werden, da jede Reduktion der Geschwindigkeit die Überlebenschance der Auto-Insassen erhöht?

Diese Fragen nach den Entscheidungsgrundlagen von Software, werden derzeit öfter diskutiert. Während jeder Mensch diese Entscheidung in Sekundenbruchteilen im Notfall individuell treffen muss, liegt diese Verantwortung bei einer programmierten Software bei den Software-Entwicklern oder Ingenieuren, die die relevanten Vorgaben in die Software einpflanzen müssen. Es wären also allgemein gültige Entscheidungsstandards für solche Situationen notwendig, wobei es trotzdem immer noch zu Grauzonen kommen wird, z.B. aufgrund von fehlenden oder inkorrekten Sensordaten oder falschen Schlussfolgerungen. Und auch nicht alle Menschen würden gleich entscheiden, ebenso gibt es regionale Unterschiede. In hypothetischen Fragen wurde dieser Themenbereich bereits erforscht: In Asien zählt beispielsweise die Anzahl der Menschenleben mehr als deren Alter. In Europa würde man eher Kinder schützen, auch wenn dafür mehr ältere Menschen sterben müssten. Weitere Informationen finden Sie dazu auch in folgenden Artikeln:

Die Ergebnisse

Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten der FH Oberösterreich waren unter anderem, dass die Technik noch nicht robust genug ist, um mit Regen, Schnee, Vibrationen und Temperaturen von -25 bis +50 Grad zurecht zu kommen. Als mögliche zukünftige Anwendungsgebiete für autonom fahrende Züge werden Regionalbahnen gesehen, wo die Frequenz der Verbindungen mit niedrigen Zusatzkosten (wieder) erhöht werden könnte. Dies hätte voraussichtlich positive Auswirkungen auf die CO2-Bilanz und das Klima, ebenso auf die Wirtschaftlichkeit der Bahngesellschaften. Auf den stark frequentierten Hauptstrecken, wie z.B. zwischen Wien und Salzburg, wird der fahrerlose Zug derzeit nicht als Alternative gesehen. In Summe klingt das nach guten Aussichten für die Zukunft der Bahn.

[ Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000106941938/es-faehrt-ein-zug-ganz-fahrerlos ]

Was halten Sie von autonom fahrenden Zügen? Wäre dies eine Option für den Personenverkehr? Oder sehen Sie Einsatzmöglichkeiten im Güterverkehr? Wir freuen uns auf Ihre Beiträge!

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Georg Vesely
    Georg Vesely

    sehr guter Beitrag, Danke Markus!

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